Wie bist du dazu gekommen, Illustrator zu werden?Schon als Kind hat mich das Beobachten fasziniert, ich habe es geliebt, Menschen, Pflanzen und den Himmel zu betrachten. Nach all dieser Zeit des Beobachtens begann ich, mir Welten in meinem Kopf vorzustellen und diese erschaffen zu wollen. Kameras können das echte Leben festhalten und Filme Geschichten dokumentieren, aber nur durch das Zeichnen kann ich innere Geschichten ganz aus meiner eigenen Perspektive erzählen. In der Grundschule haben wir oft auf unsere Schultische gezeichnet, Figuren, Szenen, was auch immer wir uns gerade vorstellten, und ich glaube, dort entstand mein Wunsch, weiterzuzeichnen. Es mag idealistisch klingen, aber ich möchte diesem Gefühl einfach weiter nachgehen.Hast du Illustration studiert?Ich habe Illustration an der School of Visual Arts in New York studiert. Eigentlich hatte ich im Bereich Animation angefangen, bin dann aber später zur Illustration gewechselt. Es ist ein sehr offenes und vielfältiges Feld. Besonders viel Spaß hat mir die Teilnahme an den Kunstmessen der Hochschule gemacht.Wo bist du aufgewachsen?Ich bin hauptsächlich an zwei Orten aufgewachsen: in Suzhou (Provinz Jiangsu) in China und in Tokio, Japan. Beide Kulturen haben mich stark geprägt. Suzhou ist eine Stadt mit feuchtem Klima, die mich gelehrt hat, üppige, blattreiche Pflanzen zu zeichnen, während ich in Tokio in einem eher internationalen Umfeld mit echter Ästhetik und Kunst in Berührung kam.Wo wohnst du aktuell und was hat dich dorthin verschlagen?Ich wohne derzeit in Brooklyn, New York, werde aber bald nach Tokio ziehen. Ich habe vor Kurzem mein Studium abgeschlossen und wollte der hektischen Atmosphäre Manhattans entfliehen. Brooklyn ist viel ruhiger, es gibt mehr Grünflächen und Parks, und man ist schnell am Meer. Ein weiterer Grund ist, dass ich mit ehemaligen Kommilitonen zusammenlebe, wir zeichnen gemeinsam und kümmern uns um unsere Katze. Es ist schön, sich einen Teil unserer studentischen Routinen zu bewahren.Beschreibe uns dein Atelier.Mein Atelier ist zwar noch nicht ganz fertig eingerichtet, aber es ist gemütlich und passt zu meinem Lebensstil. Ich habe nicht viel Platz, daher ist alles in einem kleinen Raum untergebracht: Bücher, Sammlerstücke, Plüschtiere, Kameras. Ich mag es, alles griffbereit zu haben, damit ich leicht an das komme, was ich gerade brauche. Auf meinem Schreibtisch stehen mein Computer und mein iPad, und die Wände sind mit Postkarten übersät, die ich liebe – viele davon stammen von Freunden oder Künstlern, die ich bewundere. Der tägliche Anblick dieser schönen Dinge an der Wand macht mich glücklich und dankbar.Wenn du mit einem anderen Künstler oder Kreativen, egal welcher Sparte, ob lebend oder verstorben, zusammenarbeiten könntest: Wer wäre das?Wenn ich mich entscheiden müsste, würde ich sehr gerne mit einem Dramatiker oder Komponisten zusammenarbeiten, jemandem wie der japanischen Komponistin Yuki Kajiura. Ich habe schon immer davon geträumt, das Cover-Artwork für ihre Musik zu gestalten. Ihre Kompositionen inspirieren mich zutiefst; sie dringen wie Poesie in meinen Geist ein und wecken in mir den Wunsch zu malen.Wie verbringst du am liebsten einen freien Tag?Ich liebe es, ans Meer zu fahren oder in einem Café zu sitzen, um die Ruhe zu genießen und die Welt um mich herum zu beobachten. Oft achte ich darauf, was die Leute tragen und wie sich Stile wandeln; das hilft mir, die aktuelle Jahreszeit besser zu erfassen.Sammelst du irgendetwas?Ich sammle für mein Leben gern Kameras und analoge Filme! Das ist eines meiner größten Hobbys. Oft lasse ich mich von meinen eigenen Fotografien inspirieren. Im Vergleich zu digitalen Aufnahmen sind die Farben bei analogem Film satter; sie fangen die Welt auf eine emotionalere Weise ein. Ich hoffe, dass meine Illustrationen eine ähnliche Beständigkeit besitzen, etwas, das Zeit und Raum überdauert.Was hörst du, wenn du arbeitest?Meistens passe ich meine Playlist an die Stimmung des Projekts an, an dem ich gerade arbeite. Persönlich mag ich psychedelische Musik, Shoegaze und japanische Titel aus der Showa- und Heisei-Ära. Ich kann alles von GARNET CROW, Yppah und Bôa empfehlen.Wer ist dein künstlerisches Vorbild?Ich bewundere viele Illustratoren und Designer, aber in letzter Zeit hat es mir besonders „Peregrinations of a Comet“ von J. J. Grandville angetan. Die Art und Weise, wie er Formen und Linien miteinander verschmilzt, wirkt zugleich harmonisch und präzise, es strahlt eine stille Ruhe aus, ähnlich der Stille des Nachthimmels. Die Pastellfarben haben eine so reiche Textur und gehen dennoch nahtlos in die Dunkelheit des Weltraums über. Auch „Reciprocal Accords“ von Wassily Kandinsky fasziniert mich, ein weiteres Werk, das mich immer wieder inspiriert.Wer ist dein musikalisches Vorbild?Ich würde sagen: die Band Bôa. Ihre Texte und Melodien vermitteln mir stets ein Gefühl der Ruhe. Wenn ich ihre Lieder höre, während ich durch die Stadt streife, fühlt es sich an, als würde ich mich in einem ruhigen Film bewegen, alles wird sanfter und poetischer, so als würde sich die Zeit gerade weit genug verlangsamen, damit ich durchatmen kann.Was ist dein Lieblingsbuch?Mein Lieblingsbuch ist „Die Brücke von San Luis Rey“. Die Geschichte an sich ist ziemlich komplex und schwer zu fassen. Ich habe es während der Sommerferien in der Highschool in einem Antiquariat in San Francisco entdeckt. Ich habe mich sofort in diesen Laden verliebt, und auch in das Buchcover. Die Illustrationen im Inneren sind reich an Textur und Erzählkraft; das Buch ist mir wirklich im Gedächtnis geblieben.Welche Ausstellung hast du zuletzt gesehen und geliebt?Die Monet-Ausstellung in Tokio hat mir unglaublich gut gefallen. Die Werbematerialien waren wunderschön gestaltet, und die Innenraumgestaltung schuf eine frische, natürliche Atmosphäre. Besonders eindrucksvoll war der Raum, in dem die „Seerosen“ ausgestellt waren, ein kreisförmiger Raum, der eine ruhige, immersive Wirkung hatte.Welches Konzert hast du zuletzt besucht?Genau genommen war das letzte Konzert, das ich besucht habe, ein Auftritt eines befreundeten Cellisten an der Parsons School of Design. Außerdem habe ich mir eine Musical-Adaption von „Attack on Titan“ angesehen, aufgeführt von japanischen Schauspielern in New York. Es war ein unglaubliches und unvergessliches Erlebnis, ich würde es mir sehr gerne noch einmal ansehen.Wenn du jeden beliebigen Ort der Welt besuchen könntest, wohin würdest du reisen?Es gibt so viele Orte, die ich besuchen möchte! Aber bei dieser Frage zieht es mich zu einem eher ungewöhnlichen Ort, einem, von dem ich träume, den ich aber vielleicht nie erreichen werde. Vielleicht ein abgelegener Wald oder der Gipfel eines schneebedeckten Berges. Ich war schon einmal in Tibet; vielleicht wären es also die verborgenen Seen und Berge tief im Inneren der Region, Orte, die gefährlich, aber für mich zutiefst faszinierend sind. Und wenn ich an einen einzigen Ort zurückkehren könnte, dann wäre es mein Elternhaus. Es wird bald verkauft, aber ich habe es geliebt, nachts auf dem Dach zu liegen und in den Himmel zu schauen.Gibt es etwas Ungewöhnliches, bei dem du dich als Experte betrachtest, oder ein verborgenes Talent?Ich glaube, ich bin ziemlich gut darin, andere zu imitieren und ihre inneren Gefühle zu lesen. Das ist meine Art, eine Verbindung zu anderen herzustellen: Ich beobachte, höre zu und erfasse oft, was hinter den Worten liegt. Diese Sensibilität hilft mir, meine Arbeit so zu gestalten, dass sie die Innenwelt anderer Menschen anspricht.Stell dir vor, du strandest auf einer einsamen Insel, ohne Strom und fließendes Wasser. Welche drei Kunstutensilien würdest du mitnehmen?Ein Skizzenbuch, am besten eines, das schon fast voll ist. Ein paar Kohlestifte. Ich brauche dieses tiefe Schwarz. Und wahrscheinlich einen Anspitzer. Sollte ich Pflanzen finden, so karg sie auch sein mögen, würde ich sie in neue Werkzeuge verwandeln. So könnte ich die letzte Seite meines Skizzenbuchs mit Dunkelheit füllen und nur wenige weiße Stellen übrig lassen. Wenn es eines Tages jemand fände, sähe er die Welt, wie ich sie gesehen habe: Über dieser trostlosen Insel würden die Sterne leuchten, unberührt und unverfälscht, der schönste Himmel, den man sich vorstellen kann.Gibt es eine Tätigkeit, die du noch nie ausgeübt hast, aber liebend gerne einmal machen würdest?Wahrscheinlich etwas im Bereich der Kriminalistik. Als Kind habe ich immer davon geträumt, Detektiv zu werden, auch wenn mir dieser Beruf unerreichbar schien. Nun bin ich irgendwie Illustrator geworden und arbeite mich Schritt für Schritt voran. Ehrlich gesagt hätte ich das nie erwartet. Kann man als Illustrator wirklich seinen Lebensunterhalt bestreiten und eine Zukunft aufbauen? Das finde ich gerade noch heraus. Aber falls nicht, träume ich vielleicht doch weiter davon, Detektiv zu werden.Wenn du kein Illustrator wärst, was wärst du dann?Ich würde Psychologie studieren. Ich glaube, Illustration und Psychologie haben etwas gemeinsam: Beide versuchen, das auszudrücken und aufzudecken, was unter der Oberfläche verborgen liegt, sei es in uns selbst oder in anderen. Doch selbst wenn ich einen anderen Beruf ergriffen oder etwas anderes studiert hätte, würde ich weiterhin zeichnen. Zeichnen ist für mich etwas, das ich einfach tun muss. Es ist das, was mir Freude bereitet, auf eine reine und tiefgehende Weise.