Wie bist du dazu gekommen, Illustratorin zu werden?Ich habe schon immer eine Vorliebe für visuelle Metaphern gehabt. Als Kind war ich fasziniert von Illustrationen in Zeitschriften, diesen cleveren Bildern neben dem Text, die auf subtile Weise die Kernaussage des Artikels andeuteten. Manchmal machte es mehr Spaß, die Bilder zu „lesen“, als den eigentlichen Artikel. Ich empfand es als unglaublich erfüllend, Bilder zu erschaffen, die nicht nur eine Geschichte erzählten, sondern auch auf den ersten Blick die richtige Stimmung und Atmosphäre vermittelten. Ich begann in meiner Freizeit zu zeichnen, und im Laufe der Jahre führte mich dieser Weg ganz natürlich dazu, mich ernsthafter der Illustration zu widmen.Hast du an der Hochschule Illustration studiert?Ja, ich habe einen BFA-Abschluss in Illustration von der School of Visual Arts und einen MFA-Abschluss in „Illustration Practice“ vom Maryland Institute College of Art.Wo bist du aufgewachsen?Ich bin in Xi’an aufgewachsen, einer historischen Stadt in der chinesischen Provinz Shaanxi.Kannst du dich daran erinnern, wann du zum ersten Mal Kunst in einem kommerziellen Kontext gesehen hast?Ich glaube, das war auf Snackverpackungen, Tüten mit gepufften Snacks, auf denen Cartoon-Figuren abgebildet waren. Manchmal lagen Sammelkarten mit verschiedenen Figuren bei; das erinnert mich heute an frühe Versionen von „Blind Boxes“. Das ist wahrscheinlich meine erste Erinnerung an kommerzielle Illustration.Wo wohnst du jetzt und was hat dich dorthin verschlagen?Ich wohne derzeit in Journal Square, New Jersey, direkt auf der anderen Seite des Flusses gegenüber von Manhattan. Nach meinem Abschluss in Baltimore bin ich hierhergezogen, weil ich davon überzeugt bin, dass Illustration in einer Gemeinschaft besonders gut gedeiht. Von anderen Illustratoren und Fachleuten aus verwandten Bereichen umgeben zu sein, beflügelt meine Arbeit enorm. Außerdem habe ich bereits mein Studium in New York absolviert, sodass viele meiner engsten Freunde, meine Wahlfamilie, hier leben. Für Kreative macht es einen riesigen Unterschied, sich in einem fördernden und unterstützenden Umfeld zu bewegen.Beschreibe uns dein Studio.Ich wohne in einer Wohnung mit einem Schlafzimmer, wobei das Wohnzimmer über eine eigene Arbeitsecke verfügt. Ich nutze einen höhenverstellbaren Schreibtisch (ein Muss für lange Arbeitstage!), und die Atmosphäre ist insgesamt modern und schick. Die Farbgestaltung habe ich sorgfältig aufeinander abgestimmt: Mein Arbeitsbereich wirkt eher sachlich, mit schwarzem Schreibtisch, dunkelgrauem Stuhl und minimalistischer Deko, damit ich mich besser konzentrieren kann. Der Wohnbereich mit Couch und Fernseher ist hingegen heller gehalten, dominiert von Weiß- und Hellblautönen sowie weicheren, runderen Möbeln. Mein Lieblingsplatz ist eine farbenfrohe Vitrine voller kleiner Skulpturen, Geschenke von Freunden, LEGO-Blumen sowie einer Mischung aus leuchtend bunten Gefäßen und Keramikstücken. An der Seite hängt eine fröhliche Uhr mit Sonnengesicht. Diese Ecke hebt sofort meine Stimmung.Hast du ein Atelier-Haustier?Ja! Ich habe eine siebenjährige Abessinierkatze namens Mùtóu. Meistens liegt sie zusammengerollt auf dem Sitzsack neben mir, während ich arbeite.Wer oder was ist deine größte Inspirationsquelle?Das wechselt von Zeit zu Zeit, aber eine beständige Inspirationsquelle ist die Literatur – vor allem Belletristik, aber manchmal auch Sachbücher oder Essays. Die Erzählstruktur beim Schreiben liefert mir oft Ideen für mein visuelles Storytelling. Auch Möbeldesign inspiriert mich. Ich liebe es, Räume zu gestalten, und in gewisser Weise sind meine Illustrationen wie visuelle Innenräume. In letzter Zeit haben es mir besonders die Arbeiten des Innenarchitekten Richard Yasmine angetan. Seine Entwürfe haben definitiv beeinflusst, wie ich über Formen und Objekte denke.Wenn du mit einem anderen Künstler oder Kreativen, gleich welcher Sparte, ob noch lebend oder bereits verstorben, zusammenarbeiten könntest: Wer wäre das?Ich würde liebend gerne mit Wang Wei zusammenarbeiten, einem Dichter aus der späten Tang-Dynastie in China. Sein Werk hat mich schon immer fasziniert: Er verstand es, über die alltäglichsten Dinge zu schreiben und ihnen dabei eine tiefe Bedeutung zu verleihen. Eine seiner Zeilen „Hell strahlt das Mondlicht zwischen den Kiefern, und klares Quellwasser fließt über die Steine“ wirkt täuschend einfach, hinterlässt aber einen bleibenden Eindruck. Jedes Mal, wenn ich sie lese, bekomme ich eine Gänsehaut. Ich würde ihn nur zu gerne fragen, wie er das Alltägliche in etwas Zeitloses und Außergewöhnliches verwandelt, ein Ziel, das auch ich in meiner eigenen Arbeit verfolge.Wie verbringst du am liebsten einen freien Tag?Wahrscheinlich würde ich mir ein heiteres Liebesroman-Hörbuch anhören, während ich den ganzen Tag an einem Puzzle arbeite.Was ist dein wertvollster Besitz und warum?Wahrscheinlich meine Nasendusche! Ich leide unter starkem Schnupfen, daher muss ich meine Nase mehrmals täglich spülen. Ohne sie könnte ich mich aufgrund der Beschwerden kaum auf irgendetwas konzentrieren.Sammelst du irgendetwas?Ich sammle Schmetterlings- und Insektenpräparate und fertige manchmal auch eigene Exemplare aus Protozoen an. Der Großteil meiner Sammlung befindet sich noch bei mir zu Hause in China.Was hörst du beim Arbeiten?Das hängt ganz von meiner Stimmung ab, es kann Musik, ein Podcast oder ein Hörbuch sein. Ich halte das gerne flexibel.Was ist dein Lieblingspodcast?Das ist ein chinesischer Podcast namens „Shén liáo ba Bangní“. Der Moderator ist Drehbuchautor und teilt seine Gedanken zu Filmen und zum Leben – es ist locker, aber aufschlussreich.Welche Platte hast du dir als Erste gekauft?„Longitude“ von The Frames, einer irischen Rockband aus Dublin.Wer ist dein künstlerisches Vorbild?Definitiv Lisk Feng. Sie hat mich im letzten Studienjahr an der SVA bei meinem Portfolio betreut und maßgeblich dazu beigetragen, dass ich meine eigene visuelle Sprache gefunden habe. Ehrlich gesagt wäre ich ohne ihre Unterstützung womöglich gar nicht in der Branche gelandet.Was ist dein Lieblingszitat?„Verfolge es mit zitternden Händen; begegne ihm mit ehrfürchtigem Herzen.“Welchen Film kannst du dir immer wieder ansehen?*Der Tod steht ihr gut*, *Poor Things* und so gut wie jeden Disney-Animationsfilm.Welche Ausstellung hast du zuletzt gesehen und geliebt?Camille Henrots „A number of things“ bei Hauser & Wirth in New York. Ihre Arbeiten wirkten zugleich verspielt und geordnet – riesige, spielzeugartige Objekte und Skulpturen von Hunden aus Metall und Fell. Die Atmosphäre war auf bizarre Weise niedlich, fast surreal. Die kuratorische Gestaltung des Raums machte den Ausstellungsbesuch zu einem echten Erlebnis.Wenn ein Kunde dir genug Geld zahlen würde, damit du dir ein Jahr Auszeit nimmst und erschaffst, was immer du willst, völlig freie Vorgaben, keinerlei Einschränkungen, was würdest du abliefern?Ich würde liebend gerne ein Buch zu einem soziologischen Thema machen, das mich interessiert, etwa die subtilen Dynamiken von Mobbing unter Mädchen, womit ich mich in letzter Zeit beschäftigt habe. Es wäre eine Mischung aus Illustrationen und Kurzgeschichten. Bei Gestaltung, Materialien und der gesamten Form des Buches würde ich weder Kosten noch Mühen scheuen. Ich möchte Thema und Format so miteinander verschmelzen, dass das Ergebnis absolut durchdacht und stimmig wirkt.Gibt es eine Art von Auftrag, die du noch nicht übernommen hast, aber sehr gerne einmal machen würdest?Ein Wandgemälde! Ich müsste es vielleicht nicht unbedingt selbst physisch an die Wand malen, aber ich würde liebend gerne eine ortsspezifische Illustration entwerfen, die sich in den öffentlichen Raum einfügt. Es wäre großartig, wenn meine Arbeit Teil des Stadtbildes würde.